… und osteuropäisch

Etwa zwei Drittel aller ausländischen Obdachlosen in Berlin kommen aus Osteuropa. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Wer Daten haben will, muss alle Notunterkünfte einzeln abklappern.

Valentinus steht in der Schlange vor der Essensausgabe der Bahnhofsmission am Zoo. Seit fünf Jahren ist der Litauer unterwegs, lebte zunächst im Baltikum, dann in Italien. Sein letzter Zwischenstopp war München. „Dort habe ich für Russen als Sicherheitsmann gearbeitet“, sagt der 34-Jährige in einem Mix aus Russisch, Deutsch und wilden Handbewegungen.

Er ist einer von etwa 8000 ObdachlosenGlossar in der Hauptstadt. Schätzungsweise ein Viertel von ihnen kommt ursprünglich aus Nord-, Mittel- und Südosteuropa. Warum Berlin? „Weil die Menschen hier freundlicher sind als in München“, sagt Valentinus.
 

Der Senat hält sich bedeckt

Offizielle Zahlen zu ausländischen Obdachlosen gibt es nicht, weder für Berlin noch für den Bund. Auf die Frage, warum keine Daten dazu erhoben werden, wiegelt der Berliner Senat ab. Nur so viel: Die Einführung einer Wohnungslosenstatistik sei für diese Legislaturperiode geplant.

Dass der Zuzug aus Osteuropa enorm ist, scheinen die Verantwortlichen trotz nicht vorhandener Statistik zu wissen: „Berlin als dynamische Großstadt zieht viele Menschen aus den osteuropäischen Ländern an, die aus prekären wirtschaftlichen Verhältnissen kommen und in Berlin auf eine existenzsichernde Arbeit hoffen“, sagt Karin Rietz von der Senatsverwaltung.

Wer wissen will, woher die Menschen auf der Straße kommen, muss bei den Schlafstellen direkt nachfragen. Davon gibt es 800 in Berlin. Deren MitarbeiterInnen erfassen zwar häufig intern, wie viele Menschen ihre niedrigschwelligen AngeboteGlossarnutzen. Nach der Herkunft fragen sie aber nicht; bis auf wenige Ausnahmen, zum Beispiel die Notübernachtung in der Franklinstraße in Berlin-Charlottenburg.
 

 

Jürgen Mark ist dort Sozialarbeiter. Er fragt seine Gäste seit knapp 20 Jahren, woher sie kommen. „In meinen Aufzeichnungen spiegelt sich, was gerade in der Welt los ist“, sagt Mark. „Nach der EU-Osterweiterung 2006 hatte ich viel mehr Menschen aus diesen Ländern in meiner Statistik.“
 

 

Marks Zahlen aus der Franklinstraße zeigen: Polen, Rumänien und Bulgarien waren im vergangenen Jahrzehnt die Länder, aus denen die meisten Menschen nach Berlin kamen. Danach folgte das Baltikum mit Lettland und Litauen. Zwar sind die Daten nicht repräsentativ für die ganze Stadt. Dennoch geben sie einen Hinweis darauf, wie die Nationalitäten unter den Obdachlosen verteilt sind. Die Erhebungen zur KälteperiodeGlossar 2016/2017 aus der Notunterkunft Lehrter Straße in Berlin-Mitte unterstützen die These: Dort kam knapp die Hälfte der Gäste aus Osteuropa und dem Baltikum.
 

„Polnische Obdachlose sind nicht nur gescheiterte Alkoholiker“

Witold Kaminski kennt viele polnische Obdachlose. Der Vorstand des Polnischen Sozialrats in Berlin-Kreuzberg wehrt sich gegen Klischees. Er sagt: „Polnische Obdachlose sind nicht nur gescheiterte Alkoholiker.“

 
Natürlich gebe es Menschen, die schon in Polen obdachlos gewesen und für bessere Unterkünfte nach Berlin gekommen seien. Es gebe aber noch zwei andere Gruppen. Das seien einerseits junge Erwachsene, denen auf ihrer Entdeckungsreise in Berlin das Geld ausgehe. Andererseits gehörten dazu auch Menschen, die schon länger in Deutschland leben und arbeiten und durch einen Schicksalsschlag obdachlos werden. Wenn jemand Job und Partnerin gleichzeitig verliere und sich im deutschen Behördendschungel nicht gut auskenne, könne er schnell auf der Straße landen.
 
Der Sozialrat wünscht sich von den Verantwortlichen im Senat nicht nur Zahlen: „Man muss die Menschen sofort beraten, wenn sie in Deutschland ankommen, damit sie gar nicht erst obdachlos werden.“ Es sei für den Staat billiger, Geld in die Prävention zu stecken. In Berlin konzentriere sich Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) außerdem zu sehr auf die Kältehilfe im Winter. Kaminski hat sich mit den BetreiberInnen der Notunterkünfte und PolitikerInnen an einen Tisch gesetzt. Das Interesse flaue jedoch nach den kalten Monaten ab, wenn viele Einrichtungen schlössen. „Obdachlose brauchen aber das ganze Jahr Unterstützung“, fordert er.
 

„Sie wollen wissen, wie sie Arbeit finden“

Auch Petra Schwaiger vom Projekt Frostschutzengel weiß, dass die meisten Menschen nicht als Obdachlose nach Berlin kommen, sondern für einen guten Job und mehr Geld. Am häufigsten wollen Schwaigers KlientInnen wissen, wie sie Arbeit finden.

 
Schwaigers Team berät auf neun Sprachen. „Wenn die Arbeitsaufnahme nicht klappt, kommen die Menschen schnell in Not, besonders wenn sie kein Deutsch sprechen und das soziale Netzwerk fehlt“, sagt sie.

Auch wenn die Rechtslage kleinteilig ist: In den meisten Fällen haben Menschen aus dem EU-Ausland Anspruch auf Sozialhilfe. „Oft kennen meine Klienten ihre Rechte nicht oder haben Hemmungen, sie bei Behörden einzufordern“, sagt Schwaiger. Auch hier greift das Beratungsangebot von Frostschutzengel.

Laut Schwaiger ist das Bild von Obdachlosen in den Medien, der Fachöffentlichkeit und der Politik häufig falsch. „Unsere Klienten kommen in den seltensten Fällen nach Deutschland, um Sozialleistungen zu beziehen.“
 

In Hamburg gibt es Zahlen

Die Stadt Hamburg hat einiges von dem umgesetzt, was sich SozialarbeiterInnen wie Schwaiger wünschen. 2009 hat der Senat die letzte umfassende Studie zu Obdachlosen veröffentlicht. Bislang ist Hamburg das einzige Land, das spezifische Daten zur Situation ausländischer Obdachloser erhebt. Zwar erfassen inzwischen auch andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern Zahlen zu wohnungslosen Menschen. Einheitliche Standards gibt es aber nicht.

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Was die Politik dazu sagt

Der wohnungspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion Chris Kühn findet das absurd. „Für alles in Deutschland erheben wir Statistiken. Aber für die Frage, wie viele Menschen obdachlos sind, tun wir das nicht.“ Deshalb kämpft er für eine bundesweite Wohnungslosenstatistik. Seit zwei Jahrzehnten diskutierten die Abgeordneten darüber. Nun müsse die Regierung endlich handeln.

 
So sehen das auch die Linke und einige PolitikerInnen der SPD, die für gleiche Regeln bei den Erhebungen plädieren. Denn die Statistiken der Länder, die selbstständig Daten sammeln, geben Merkmale wie die Herkunft unterschiedlich an: Während Hamburg von deutschen und nicht deutschen Obdachlosen spricht, unterteilt Nordrhein-Westfalen sie in mit und ohne Migrationshintergrund. Konkreter wird kein Bundesland.

Kühn zufolge könnten Angaben wie die Herkunft aber dazu führen, dass den Betroffenen gezielter geholfen wird: „Ohne Zahlen operiert man im luftleeren Raum und die Maßnahmen greifen nicht.“ In Hamburg hat der Senat aus den Ergebnissen seiner Studie immerhin erste Schlüsse gezogen. Mittlerweile gibt es sechs Beratungsstellen speziell für Menschen aus Osteuropa. In Berlin gibt es eine.

von Laura Eßlinger, Ann-Kathrin Jeske und Theresa Krinninger