… und unterfinanziert

Während die Zahl der Wohnungslosen immer weiter steigt, bleiben die öffentlichen Ausgaben für die Obdachlosenhilfe in Berlin seit Jahren gleich. Wie viel gibt Berlin für Obdachlosenhilfe aus und wie finanzieren sich die Hilfsangebote?

540.000 Menschen in Deutschland werden 2018 keine Wohnung haben. Würde man für diese Menschen eine Wohnsiedlung bauen, wäre sie so groß wie Dresden. Berlin wird im Armutsbericht 2017 neben dem Ruhrgebiet als „armutspolitische Problemregion Deutschlands“ aufgeführt. Seit Jahren steigen die Mieten, Wohnraum ist knapp. Das zeigt: Gerade in Berlin brauchen Obdach- und WohnungsloseGlossar verstärkt Unterstützung.

Die genaue Anzahl Obdachloser wird vom Land Berlin nicht erhobenGlossar. Das ist zum einen dadurch bedingt, dass es schwer ist, nicht-registrierte Menschen zu zählen. Laut Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission Zoologischer Garten, könnte es aber auch politische Gründe haben.

 

Verschiedene Organisationen sichern in Berlin die Grundbedürfnisse Obdachloser. Dazu gehören die Einrichtungen der Stadtmission, der Caritas, aber auch Vereine wie Gangway und mob. Deren Arbeit wird durch öffentliche Gelder und Spenden ermöglicht. Die Förderung der Bezirke und des Senats lassen sich aus der Zuwendungsdatenbank des Landes Berlin ermitteln. Komplizierter ist es, die Spenden zu erfassen. Sachspenden und ehrenamtliche Arbeit werden kaum erfasst, machen aber einen großen Anteil aus, erklärt Dieter Puhl, der Leiter der Bahnhofsmission Zoologischer Garten.

 

Was machen die Bezirke?

Verliert ein Mensch seine Wohnung, dann kann er sich beim Amt für Soziales in seinem Bezirk einen Platz in einer Unterkunft vermitteln lassen. Diese Plätze und die Beratungsangebote werden über Sozialhilfegelder finanziert.Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten“ heißt das in Behördensprache. So soll der oder die Wohnungslose so schnell wie möglich wieder in ein reguläres Wohnverhältnis zurückgeführt werden, sprich: selbst ein Zimmer mieten.

Darüber hinaus finanzieren die Bezirke in den Wintermonaten Angebote der Kältehilfe. Diese stellen Notübernachtungen zur Verfügung, betreiben Suppenküchen und NachtcafésGlossar.

Die Bezirke geben für diese niedrigschwelligen AngeboteGlossar unterschiedlich viel Geld aus. Während Friedrichshain-Kreuzberg 2015 Obdachlosehilfe mit über 723.000 Euro förderte, waren es in Steglitz-Zehlendorf 9.550 Euro. Klicken Sie auf einen Bezirk, um die Höhe der Förderung zu erfahren.

Was macht der Senat?

Der Senat fördert in einem Integrierten Sozialprogramm niedrigschwellige AngeboteGlossar, die von Obdachlosen ohne große Hürden nach Bedarf in Anspruch genommen werden können. Die Angebote reichen von Schlafplätzen über warme Mahlzeiten bis hin zur medizinische Notfallversorgung. Beratungsstellen und SozialarbeiterInnen sollen helfen, die Menschen wieder in die Systeme der Sozialhilfe zu integrieren.

Der Betrag, den der Senat dafür in den letzten Jahren jährlich zur Verfügung stellte, liegt konstant bei gut drei Millionen Euro. Die Gesamtausgaben von Senat und Bezirken sind seit 2010 von 4,2 Millionen auf 5,6 Millionen gestiegen. Im Vergleich dazu ist die Zahl derer, die von den Bezirken untergebracht sind, 2015 dreieinhalb Mal höher als 2010. Zwar gibt es in Berlin keine Obdachlosenstatistik, doch die Anzahl der von den Bezirken untergebrachten Wohnungslosen gibt einen Eindruck davon, wie viele Menschen von Obdachlosigkeit in Berlin bedroht sind.

Die Höhe des vom Senat bereitgestellten Betrags für die Obdachlosenhilfe hält jedoch nicht mit dem steigenden Bedarf mit. Das bestätigt auch Dieter Puhl. In den letzten zehn Jahren läge die Unterstützung durch die Stadt für die Bahnhofsmission Zoologischer Garten konstant bei rund 250.000 Euro jährlich. Die Zahl der Obdachlosen in Berlin, und damit auch der Gäste in der Bahnhofsmission, aber steige.

Ich gehe von einem Anstieg zwischen jährlich 500 und 1.000 Menschen aus. Ungebremst, sagt Puhl.

 

Wie finanzieren Hilfsangebote den übrigen Bedarf?

Die Arbeit der Bahnhofsmission wird nur zur Hälfte durch die öffentlichen Zuwendungen finanziert, sagt Dieter Puhl. Der Rest der laufenden Personalkosten wird durch Geldspenden abgedeckt. Die Bedingungen für die Bahnhofsmissionen in Deutschland sind vergleichsweise gut, weil sie der Deutschen Bahn für die Räume keine Miete bezahlen müssen. Trotzdem ist die Organisation auf die vielen einzelnen Spenderinnen und Spender angewiesen. Auf Facebook schildert Puhl Begegnungen und bedankt sich für die Unterstützung:



Zu den Geldspenden kommen noch Sachspenden, wie Schlafsäcke oder Zahnpasta. Zudem ist ehrenamtliche Hilfe essenziell für die Arbeit der Bahnhofsmission, zum Beispiel bei der Essensausgabe. Dieter Puhl erklärt, wie die verschiedenen Finanzierungsquellen zusammenspielen:

 

Die vielen Ehrenamtlichen machen es möglich, dass die Bahnhofsmission 365 Tage im Jahr Anlaufstelle für obdachlose Frauen und Männer in Berlin ist. Doch es fehlt das Geld, um mehr qualifizierte SozialarbeiterInnen einzustellen.

Menschen brauchen Menschen und Fachpersonal kostet Geld, sagt Puhl.

Unsere Daten

Unsere Ergebnisse basieren auf einem Datensatz, den wir aus Einträgen in der Zuwendungsdatenbank des Landes Berlin erstellt haben. Dafür haben wir die Ergebnisse von sechs Suchbegriffen (Obdachlos, Wohnungslos, Notübernachtung, Bahnhofsdienst, Straßensozialarbeit, Kältehilfe) zusammengeführt. Bei Interesse können die Daten über redaktion(at)obdachlosinberlin.de angefragt werden.

von Sofie Czilwik, Johanna Kleibl, Birte Mensing