…und weiblich

Obdachlosigkeit ist männlich. Heißt es. Für etwa 2.500 Frauen in Berlin ist sie Realität. Nicht alle tauchen in der Statistik auf.

Wie viele es sind, will niemand sagen. Weil sie keiner zählt. Weil keiner weiß, wer sie sind. Weil keiner weiß, wo sie schlafen. 2.500 Frauen sollen in Berlin auf der Straße leben – doch das ist nur eine Schätzung, die sich nicht bestätigen lässt.

Insgesamt sind es in Deutschland in den letzten Jahren mehr geworden. Das zeigt eine Statistik der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe  e. V.: Waren in den 1990er-Jahren noch 15 Prozent der Obdachlosen in Deutschland weiblich, so sind es inzwischen 25 Prozent. Das bedeutet: über 70.000 Frauen.

 

Die typische Obdachlose gibt es nicht

Eine exakte Zahl festzulegen, ist auch deshalb schwierig, weil es die obdachlose Frau nicht gibt. Denn Frauen landen nicht nur aus unterschiedlichen Gründen auf der Straße, sie bleiben dort auch nicht für immer und leben in verschiedenen Formen der Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Weil sich die Lebenssituationen so gravierend voneinander unterscheiden, lassen sich wohnungslose und obdachlose Frauen nicht einfach als eine Gruppe betrachten. Dennoch teilen viele wohnungslose und obdachlose Frauen ähnliche Probleme: Es fällt ihnen schwer, einen geregelten Alltag zu führen. Häufig haben sie Gewalt erlebt.

Ein beachtlicher Anteil der wohnungslosen Frauen zeigte laut einer Erhebung des Frauenwohnheims der Gebewo FrauenbeDacht von 2015 psychische Auffälligkeiten: Bei 51 von 83 Bewohnerinnen lag die Diagnose einer psychischen Erkrankung vor, 30 wurden als psychisch auffällig eingeschätzt. Die Hälfte der Frauen hatte erhebliche Schwierigkeiten im Alltag, konnte beispielsweise ihre Post nicht bearbeiten. Häufig sind auch Suchterkrankungen ein Problem. Nur ein Drittel der Frauen war voll erwerbsfähig. Bei den anderen wurde eine eingeschränkte Arbeitsfähigkeit beziehungsweise eine volle Erwerbsunfähigkeit vermutet.

 

Zweckbeziehungen

Viele Frauen, die ihre Wohnung verlieren, versuchen, nicht aufzufallen. Sie wechseln zwischen Notunterkünften, Frauenhäusern und Obdachlosenheimen und kommen gelegentlich bei Bekannten unter. Verdeckte Obdachlosigkeit heißt das. So geraten Frauen immer wieder in Zweckbeziehungen, in denen sie gegen Sex einen Schlafplatz erhalten oder zu ehemaligen Partnern zurückkehren, die sie misshandeln. In einer Statistik tauchen diese Frauen nicht auf. Eine dieser Frauen, die in der verdeckten Obdachlosigkeit leben, ist Blümchen. Vor drei Jahren hat ihr Mann ihr Papiere und Schlüssel abgenommen. Seitdem hat Blümchen an vielen Orten geschlafen: in Notunterkünften, Wäschekammern, bei Freunden. Man kann die 63-Jährige in der Schlange der Essensausgabe am Zoologischen Garten treffen.

Porträt von Blümchen: Blümchen will nichts mehr verlieren

 

Was man zählen kann: Schlafplätze

Schlafplätze und Übernachtungen lassen sich zählen. Die Berliner Kältehilfe wertet die Zahlen der Übernachtungsplätze in Notunterkünften für die jährlichen KälteperiodenGlossar aus. Weitere Informationen zur allgemeinen Versorgungssituation finden Sie hier. In der aktuellen Statistik lässt sich ein Anstieg der Übernachtungen von Frauen beobachten. Während der Kälteperiode 2015/2016 wurden 14.215 Übernachtungen von Frauen in Notunterkünften gezählt. Ein Jahr später waren es 15.166 Übernachtungen. Wie viele Frauen auf der Straße leben, lässt sich daraus aber nicht ableiten.

 

 

Die Auslastung von reinen Frauenunterkünften betrug in der Kälteperiode 2016/2017 etwa 60 Prozent. Auffällig ist, wie wenige Frauen gemischte Unterkünfte nutzen. Dort betrug die Auslastung der Plätze nur zwölf Prozent. Auf ein Überangebot an Übernachtungsplätzen für Frauen lässt sich dennoch nicht schließen. „Die Hemmschwelle für Frauen, in Notübernachtungen zu schlafen, ist sehr hoch. Vor allem, weil sie nicht wissen, inwiefern sie von den Männern separiert untergebracht werden“, sagt Rebecca Aust, die Leiterin von FrauenbeDacht.

 

Außerdem liegen einige Unterkünfte in Stadtteilen, die weniger von obdachlosen Frauen frequentiert werden, weil sie die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht bezahlen können.

 


In den Wintermonaten stehen Frauen in sieben Notunterkünften 77 Betten zur Verfügung. Danach nimmt diese Zahl drastisch ab: Nur drei Notunterkünfte für Frauen haben das ganze Jahr geöffnet. 31 Betten können obdachlose Frauen in Berlin von April bis Oktober nutzen.

 

 

Gefahren auf der Straße: „Ohne Hund geht gar nicht“

Im Dezember 2016 hat die Notunterkunft Evas Obdach eröffnet. Sie bietet obdachlosen Frauen das ganze Jahr über zehn Schlafplätze. Wenn Ende März viele Notunterkünfte schließen, ist Evas Obdach fast immer voll ausgelastet. Oft müssen die Mitarbeiterinnen Frauen wieder wegschicken. Dabei ist das Leben für Frauen auf der Straße besonders gefährlich, sagen Elke Ihrlich und Natalie Kulik von Evas Obdach.

Um sich vor Übergriffen und Gewalt auf der Straße zu schützen, haben manche obdachlosen Frauen einen Hund dabei. So auch Anja Schön, genannt Punky. Die Hündin Schnitzel passt Tag und Nacht auf Punky auf. Doch weil Punky ihre Hündin dabei hat, darf die 30-Jährige in keine Notunterkunft. Deshalb schläft sie draußen, seitdem sie 14 ist, sagt sie. Im Tiergarten. Am Hansaplatz. Am Bahnhof Zoo. „Ohne Hund geht gar nicht.“ Ohne ihre Freunde und Glücksbringer auch nicht. Punkys Kinder leben dagegen bei ihrer Ex-Schwiegermutter. „Auf der Platte“ kann die junge Frau sie nicht großziehen.

Porträt von Punky: „Schnitzel ist mein Herz“

Neben den sieben Notunterkünften, in denen obdachlose Frauen die Nacht verbringen können, gibt es in Berlin sieben Wohnheime für wohnungslose Frauen, in denen Frauen meist in Doppelzimmern, in manchen Fällen auch in Einzelzimmern untergebracht werden. Sie sind das ganze Jahr über geöffnet, Frauen können hier für längere Zeit unterkommen. Im Schnitt, sagt die Leiterin von FrauenbeDacht, Rebecca Aust, bleiben sie sechs Monate.

Aust ist besonders stolz darauf, dass in ihrem Wohnheim ausschließlich Einzelzimmer angeboten werden. Nachts bleibt eine ehrenamtliche Betreuungshilfe oder eine Studentin der sozialen Arbeit oder Psychologie bei den Frauen. Insgesamt ist dies bei vier der sieben Wohnheimen der Fall. In den drei anderen würden Frauen nicht immer gender-gerecht betreut, kritisiert Aust. Das sei für viele Frauen ein großes Problem.

Für qualitative Arbeit fehlen die Mindeststandards

Die Unterkunft setzt auf multiprofessionelle Beratung: neben SozialarbeiterInnen stehen den Frauen hier auch psychologische Fachkräfte zur Seite. Bewohnerinnen von FrauenbeDacht werden etwa durch die externe „Psychologische Beratung für wohnungslose Frauen“ unterstützt. Diese Betreuung wird nicht in allen Wohnheimen für obdachlose Frauen angeboten. Aus Kostengründen.

„Es gibt zwar Leitlinien für die Größe der Räume, doch für qualitative Arbeit fehlen die Mindeststandards.“ Nach Austs Erfahrung zahle es sich aus, wohnungslose Frauen psychologisch auch in den Wohnheimen zu betreuen und nicht nur ein Bett zur Verfügung zu stellen – so schütze man sie langfristig vor Verelendung. Für viele Frauen seien die klassischen Eingliederungshilfen, wie psychologisch betreutes Wohnen, zu hochschwellig, bemängelt die Sozialarbeiterin. Sie seien unter Umständen etwa noch nicht bereit, Termine einhalten zu können.

 

Höhere Nachfrage in Wohnheimen als in Notunterkünften

Wohnungs- und obdachlose Frauen sind eine besondere Gruppe mit spezifischen Bedürfnissen. Nur gendergerechte Einrichtungen können diese Bedürfnisse erfüllen. Das erklärt auch, warum gemischte Einrichtungen oft von Frauen gemieden werden. So ist die Nachfrage nach Plätzen in Wohnheimen wie FrauenbeDacht deutlich höher als nach Schlafplätzen in Notunterkünften. Im Jahr 2015 haben sich 345 Frauen auf eine Unterbringung im Wohnungslosen-Projekt FrauenbeDacht beworben. In den 45 Zimmern konnten auf das Jahr verteilt 83 Frauen untergebracht werden. In der Regel müssen sie mit Wartezeiten von zwei Monaten rechnen und für eine Kostenübernahme sorgen. Die Bewohnerinnen der Unterkunft in Berlin-Wedding sind zwischen 18 und 75 Jahren. Die Unterbringung ist zudem deutlich teurer als in einer Notunterkunft: sie liegt je nach Standard des Wohnheims zwischen 14 und 40€. Mit 32,77 € liegt FrauenbeDacht also im oberen Preissegment.

Armutsrisiko für Frauen höher als für Männer

In den kommenden Jahren könnte es zu einem Anstieg weiblicher Wohnungs- beziehungsweise Obdachlosigkeit kommen: Frauen im Rentenalter haben laut statistischem Bundesamt in Deutschland ein höheres Armutsrisiko als Männer. Ein wichtiger Grund dafür ist die mangelhafte Rentenvorsorge, die sich aus den Beschäftigungsverhältnissen von Frauen ergibt. Sie pausieren während ihres Berufslebens häufiger zugunsten von Kindern, arbeiten oft in Teilzeit oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Einen Anstieg von älteren Frauen unter den Obdachlosen beobachtet auch Sozialarbeiterin Natalie Kulik von Evas Obdach: „Aufgrund der hohen Mieten und geringen Renten kommt es dazu, dass Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben, die Miete nicht mehr aufbringen können und wohnungslos werden.“

Um dem Problem der weiblichen Obdachlosigkeit in Zukunft politisch entgegenwirken zu können, müssen nicht nur Schlafplätze geschaffen, sondern vor allem die Ursachen bekämpft werden.

von Marlene Brey, Milena Hassenkamp, Theresa Liebig, Rachelle Pouplier