Blümchen will nichts mehr verlieren

Bei der Bahnhofsmission nennen Christina alle nur Blümchen. Seitdem ihr Mann ihr die Wohnungsschlüssel abgenommen hat, lebt die 63-Jährige in verdeckter Obdachlosigkeit.

Wenn es regnet, spürt Blümchen ihre Narben. Versteckt liegen sie unter ihren grauen Haaren und über den Augenbrauen. Sie stammen aus der Zeit, bevor ihr Mann ihr den Schlüssel und die Papiere abnimmt. Drei Jahre ist das nun her. Damals heißt Blümchen noch Christina und ist Hausfrau. Ihr Mann beendet diesen Zustand. Sie habe seine drei Söhne groß gezogen, sagt er, nun brauche er sie nicht mehr. Von einem Tag auf den anderen kann sie ihre eigene Wohnung nicht mehr betreten. Sie ist obdachlos.

Wie es sich anfühlt, kein Dach über dem Kopf zu haben, weiß sie zu diesem Zeitpunkt bereits. Immer, wenn ihr Mann sie schlägt, geht sie in die Notunterkunft in der Franklinstraße oder ins Frauenhaus. Für eine Nacht. Für zwei Nächte. Dann kommt sie zurück. Diesmal ist es anders.

 

„Der liebe Gott hat mich eingeladen“

In ihrer ersten Nacht auf der Straße flieht sie vor dem Regen in die Kirche. „Da war Abendmesse und ich habe gedacht: Jetzt versteckst du dich da irgendwo hinterm Altar. Morgen ist Sonntag, da kommst du um zehn wieder raus.“ Kaum hat sie einen Platz gefunden, kommt Pastor Jahn zurück.

„Was machen Sie denn hier?“, fragt er. „Der liebe Gott hat mich eingeladen“, antwortet Blümchen.

Pastor Jahn nimmt sie mit. Drei Monate bleibt sie bei ihm, seiner Frau und den drei Töchtern. „Wenn die beiden gearbeitet haben, habe ich auf ihre Kinder aufgepasst. Das war unheimlich schön.“

Danach wechselt Blümchen ihre Unterkünfte. Einige Monate lebt sie in den Niederlanden, dann bei einer ehemaligen Nachbarin, immer wieder in einer WG von Freunden, zu der sie immer noch den Schlüssel bei sich trägt. Manchmal hat sie Glück, wie mit dem Hotel in Charlottenburg. Heimlich schläft sie in einer Wäschekammer unter dem Dach. Einmal bietet ihr der Portier sogar Frühstück an. Er hält sie für einen normalen Gast. Irgendwann zieht sie bei einem ihrer drei Söhne ein.

Immer wieder geht Blümchen in die Wohnung ihres Mannes zurück und versucht, ihre Papiere zurückzubekommen. „Ich hab die nicht“, sagt er jedes Mal, „die hast du bestimmt verloren.“ Endlich bringt Blümchen die Polizei mit. Ihr Mann muss nachgeben. Blümchen lächelt. Sie öffnet ihre Jacke: Über dem Herzen hat sie heute alles geordnet. Damit ihr keiner mehr sagen könne, dass sie etwas verliere.

 

„Was soll ich Zuhause?“

Früher hatte Blümchen einen Job: Die Arbeit beim Fernmeldeamt gibt sie mit der Geburt ihres dritten Sohnes auf. Weil Stellen abgebaut werden, wird ihr eine Abfindung geboten. Sie nimmt an, kümmert sich von nun an um Kinder und Haushalt. Ein ganz normales Leben. Mit dem Rauswurf ihres Mannes ist das vorbei.

Heute geht die 63-Jährige zum Essen in die Bahnhofsmission am Zoologischen Garten. „Was soll ich Zuhause? Ich bin gerne unterwegs: hier gucken, da gucken. Mein Mann hat schon damals gesagt, mich muss man abends mit dem Lasso einfangen.“ Meistens sitzt sie hinten in der Ecke an der Bücherwand. So kann sie lesen während sie isst. Und Menschen beobachten. Am Anfang hat sie gedacht, dass sie hier wahnsinnig werden würde. So wie der Mann, den sie Mr. Peng nennt. Er schüttelt immer seinen Kopf und ruft „peng!“. Blümchen schüttelt ihren Kopf, ruft „peng“ und lacht.