„Schnitzel ist mein Herz“

Anja Schön, genannt Punky, ist in Potsdam geboren und hat 16 Jahre in Berlin auf der Straße gelebt. Seit vier Monaten wohnt sie mit ihrem Verlobten in einem Haus in Holland. Weil sie heute 30 wird, besucht sie mit ihrer Hündin Schnitzel ihre Freunde auf der Straße.

Ihren Verlobungsring trägt Punky am Mittelfinger.

Wie bist du obdachlos geworden?
Meine Mutter ist gestorben, meine Oma, mein Opa, meine Familie ist weg. Autounfall. Da war ich 14. Ich habe meine Freunde kennengelernt am Zoo. Die haben mir den Hund geschenkt, haben gesagt: „Ohne Hund geht nicht.“ Zwölf Jahre habe ich ihn jetzt. Ins Heim konnte ich mit ihm nicht. Die wollten mir meinen Hund verbieten. Aber ich lasse meinen Hund nicht alleine, da bin ich lieber auf die Straße gegangen. Rucksack, Isomatte, Schlafsack, mein Hund.

Das ist das Wichtigste für dich?
Meine Schnitzel ist mein Herz. Mein Kind darf ich nicht sehen. Ich hab einen Sohn.

Wie alt ist dein Sohn?
Der Große, Joao, wird nächsten Monat 14. Der Kleine ist Luca, der ist neun. Er lebt in Potsdam bei Oma. Morgen sehe ich meinen kleinen Sohn, wir gehen in den Zoo. (Sie weint.) Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, ich weiß nicht, ob ich ihn wieder loslassen kann. Das ist das Schlimmste, wenn er wieder nach Hause geht. Wenn du deinem Sohn sagen musst, ich kann nicht mitkommen.
Ich weiß er hat es gut bei ihr. Er macht seine erste Klasse. Ich kann ihn nicht mit in den Schlafsack nehmen. Ich kann mein Kind nicht auf der Platte (umgangssprachlich für auf der Straße schlafen) halten. Erst meine Kinder und mein Hund, dann komm ich.

Wie oft siehst du deine Kinder?
Wir haben schon ein inniges Verhältnis, aber beide wissen, dass sie nicht bei mir bleiben können, wegen meinem Alkohol. Luca ist der Sensibelste. Joao hat einen großen Herzfehler. Mit sechs Wochen musste er operiert werden. Jetzt wird er 14. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Zehn Minuten lang war er tot. Und jetzt läuft er mit Iro rum, wie Mama.

Wie hast du die Kinder gekriegt?
Ich bin vor der Bahnhofsmission zusammengebrochen, weil ich Wehen hatte. Und dann mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus. Danach war ich im Mutter-Kind-Heim in Sachsen, drei Monate. Als ich raus kam, habe ich zu meiner Schwiegermutter gesagt: Bevor ich mit dem Kind auf der Straße lebe, bitte nimm du ihn. „Meinen Enkel nehm’ ich sowieso“, hat sie gesagt. Sie kümmert sich gut um die Kiddies. Wir haben einmal im Monat Kontakt über Facebook.

Warst du auch auf der Straße als du schwanger warst? Wie hast du das gemacht?
Meine Freunde haben mir geholfen. Die haben mir einen Kinderwagen organisiert. Wir halten zusammen.

Wie war es vorher, als Frau auf der Straße zu sein?
Gefährlich. Deswegen hab ich meine Schnitzel, meine Schnitzel passt immer auf mich auf.

Wo hast du geschlafen?
Am Bahnhof Zoo, bei Ullrich (Supermarkt) und im Tiergarten. Gerade schlafe ich am Hansaplatz, da stehen drei Zelte bei Rewe. In eine Notunterkunft kannst du nicht mit Hund. Ich geb’ nach zwölf Jahren nicht meinen Hund ab. Die ist alles was ich hab, mein Baby. (weint)

Konntest du durchschlafen?
Ja, weil mein Hund vor mir liegt.

Seit vier Monaten lebst du nicht mehr auf der Straße. Warum?
Ich bin verlobt und wohne in einem Haus in Holland. Ich mache extra Urlaub hier. Wegen meinem Geburtstag. Um meine Freunde wieder zu sehen. Es ist gerade so ein Pendel-Ding. Ich gucke nach meinen Kindern, nach meinem Verlobten, nach dem Haus, ob alles o.k. ist. Mit meinen Katzen und meinem Welpen. Ich war jetzt vier Monate zu Hause in Holland. Für mich ist mein Zuhause Holland bei meinem Mann und meinen Kindern. Und ich hab’ gefragt: Darf ich nach Berlin für einen Monat Platte machen? Ich nehme die Schnitzel mit. Meine Familie ist zwar pleite, aber das Zugticket haben wir zusammen gekriegt. Mittwoch geht’s zurück.

Bist du mit dem Vater deiner Söhne verlobt?
Nee, nee. Mit ’nem guten Mann. Der lebt in Holland mit meinem Sohn zusammen und mit zwei Katzen in einem Haus. Ich hab gesagt nimm Joao, pass auf ihn auf. Der Große geht ja jetzt zur Schule.
Der Papa ist nicht mehr da. Der ist im Dezember gestorben. Zu Weihnachten. Wir waren nicht mehr zusammen, aber wir haben uns gut verstanden. Er hat sich hier… (Sie klopft auf ihren Unterarm.) Ich aber nicht. Ich bin keine Junkie, guck! (Sie zeigt ihre nackten Unterarme.) Ich bin immer noch Alkoholiker.

Tust du was dagegen?
Ich habe es schon sieben Mal versucht. Ich kam aus der Klinik raus und bin als erstes in den Kiosk. Flasche Wodka und Bier. Gestern war ich beim Frisör. Das hab ich hingekriegt. Ich versuch ja, mich zu bessern, aber es ist nicht so leicht. Alle unterschätzen Alkoholkrankheiten immer.

Woher kennst du deinen Verlobten?
Wir kennen uns seit sieben Jahren. Da ist eine Freundin verstorben. Daher kennen wir uns. Die Ex-Frau von ihm war meine beste Freundin. Wir haben uns auf der Beerdigung kennengelernt. Er und ich. Ich hab geweint, hab ihn in den Arm genommen.

Hat sie auch auf der Straße gewohnt?
Ja, im Tiergarten. Die Rothaarige. Bianca. 32 und tot.

Woran ist sie gestorben?
Sie hatte ein Lungenkarzinom und auch Alkohol, klar. Und das tut mir immer noch weh. Ich hab ihre ganzen Fotos auf dem Kaminsims in Holland.
(Punky holt ein Bild aus ihrer Jacke.) Das ist Grinsi. Mein erster Freund. Da war ich zwölf. Da hat mich im Wald einer gewürgt und er kommt und schlägt ihn nieder. Seitdem waren wir zusammen. Er war mit meinem kleinen Bruder in der Schule.

Lebt dein Bruder noch?
Es sind fünf insgesamt. Bei meinem Bruder Mike steht noch mein Haflinger. Der hat meinen Bauernhof geerbt, weil ich keine Kraft dafür hatte. Milchkühe, Schweine, Pferde, Kaninchen. Ich konnte das nicht.

Du bist auf dem Bauernhof aufgewachsen? Schön.
Das ist mein Nachname: Anja Annika Schön.