… und wer kümmert sich?

Alle Menschen müssen essen, schlafen und aufs Klo. Für tausende Obdachlose in Berlin bedeutet das: Aufwand. Reicht die Versorgung für sie aus? Einblicke in eine Hilfsstruktur ohne politischen Plan.

 

Es ist neun Uhr morgens und Klaus muss auf die Toilette. Sein Problem: Die Tür ist verschlossen. Klaus steht vor dem Eingang der Berliner Bahnhofsmission und friert. Eine Sozialarbeiterin in blauer Weste sagt ihm, er solle in einer Stunde wieder kommen. „So lang’ konnte ich doch nicht warten“, erzählt er später, „da habe ich mich zwischen zwei Autos gesetzt.“ Als Klaus die Hose herunter zieht, fährt ein Polizeiauto vorbei und hupt.

Klaus heißt in Wirklichkeit anders. Wie Tausende Menschen in Berlin lebt er auf der Straße. Jetzt steht er wieder vor der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo. In der Jebensstraße hat vor zwei Jahren ein Hygienezentrum eröffnet, es ist das erste dieser Art in Berlin. Hier können Bedürftige umsonst duschen und auf die Toilette gehen. Grundbedürfnisse, wie Essen oder Schlafen stellen für ihn jeden Tag eine Herausforderung dar – Hygiene ist ein echter Luxus.

Es gibt keinen Plan

In Berlin leben mehrere tausend Menschen auf der Straße. Genaue Zahlen dazu gibt es nicht. Es fehlt der politische Wille, sie zu erheben, sagt der Leiter der Bahnhofsmission Dieter Puhl. „Wir möchten das jetzt angehen“, sagt Fatoş Topaç, Sprecherin der Grünen in Berlin für Sozial- und Pflegepolitik. Fakt ist: Weder über die Obdachlosen noch über Hilfseinrichtungen gibt es eine Statistik. Es gibt keine offiziellen Listen mit Hilfsangeboten, keine vollständigen Karten – keinen staatlichen Plan, wie man die Hilfe organisieren kann. Stattdessen übernehmen private Träger diese Aufgabe. Vor allem die Kirchen organisieren Unterkünfte und Suppenküchen, der Berliner Senat unterstützt sie mit Zuschüssen. Für obdachlose Menschen bedeutet dieses System viel Willkür: Ob sie einen Schlafplatz ergattern oder sich duschen können – das hängt auch davon ab, ob sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind.

Wir haben uns deshalb angeschaut: Wie gut ist die Infrastruktur für obdachlose Menschen in Berlin? In unseren Karten haben wir aufgeschlüsselt: Wo gibt es Hilfsangebote? Wie sind sie verteilt?

 

Wie sind die Hilfsangebote verteilt?

Benni lebt seit Oktober auf der Straße. Anders als Klaus hatte er Glück: Er wacht in einer Notübernachtung in Berlin-Mitte auf. 73 Obdachlose haben zusammen mit ihm in der Franklinstraße einen Schlafplatz bekommen. Drei andere Männer schlafen mit ihm in einem Raum. Meistens liegt ein Alkoholiker neben ihm, oft ein psychisch Erkrankter, manchmal ein Junkie. Um sechs Uhr wird er geweckt, dann hat er noch Zeit, zu duschen, seine Sachen zusammenzupacken und zu frühstücken. Bis acht Uhr muss er die Notübernachtung verlassen. Bis 2002 gab es in der Franklinstraße noch eine Krankenschwester und Personal für die Tagesbetreuung, aber dafür reichen die finanziellen Mittel nicht mehr. Jetzt müssen die Obdachlosen nach dem Frühstück gehen.

„Das Frühstück ist nicht besonders. Ein, zwei Scheiben Wurst, vielleicht noch etwas Käse“, sagt Benni. „Die Brötchen sind meistens nicht frisch. Ich esse dann oft nur die Wurst.“ Benni ist groß und schwer. Er trägt riesige Crocs, sie bieten seinen bandagierten Füßen genug Platz. Benni hatte eine offene Wunde am Bein. Bis vor ein paar Tagen lag er deshalb im Krankenhaus – auskurieren durfte er dort nicht.

Heute ist es windig, aber wenigstens regnet es nicht. Benni steckt einen Teil seines Hausrates – Klamotten und angebrochene Limoflaschen – in eine Plastiktüte und macht sich auf den Weg. Wohin? Mal sehen. „Man ist den ganzen Tag eigentlich nur unterwegs“, sagt er, „man hat für nichts Zeit.“ Es ist ein Leben zwischen Behörden und Bedarfsstellen.

Warum in Mitte?

Von der Franklinstraße bis zur Essensausgabe am Bahnhof Zoo sind es anderthalb Kilometer. Die meisten Einrichtungen für Obdachlose in Berlin liegen recht nah beisammen, nämlich im Bezirk Mitte. Hier halten sich viele Obdachlose auf. Warum ist das so? Paul Neupert ist Referent für die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, einer Dachgesellschaft für alle Organisationen und Gruppen, die mit obdachlosen Menschen arbeiten. Neupert sagt: „Obdachlose Menschen leben oft in der Innenstadt, weil die Architektur Schutz und Rückzugsorte bietet, wie Überdachungen und Parks. Außerdem können Obdachlose in der belebten Innenstadt besser ihren Lebensunterhalt bestreiten – durch Betteln zum Beispiel oder Straßenzeitungsverkauf.“

Ein weiterer Grund ist: Obdachlose müssen ihre Habseligkeiten meist mit sich herumtragen, deswegen ist es für sie von Vorteil, dass viele Suppenküchen, Unterkünfte, Duschen, Bibliotheken und Überdachungen zentral erreichbar sind.

Dieter Puhl von der Bahnhofsmission glaubt, die Konzentration auf wenige Viertel führe auch zu Problemen. „Mehrere auseinanderliegende Einrichtungen wären für die Gäste angenehmer“, sagt er. Besonders in der Jebensstraße ist die Ballung bedürftiger Menschen spürbar. Er sagt: „Würde die Versorgung besser verteilt sein, könnten wir auch unsere Mitarbeiter mehr entlasten. Im Moment ist das Akkordarbeit.“

 

Welche Bedürfnisse werden gedeckt?

Vor der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten stehen am Mittag rund zwanzig Menschen in einer Schlange. Sie warten auf das Mittagessen. Es ist kalt, der Himmel ist bewölkt – viele der Wartenden tragen Winterjacken. Benni sitzt bereits in der Kantine auf einem kleinen Holzstuhl. Er kennt einige Mitarbeiter schon lange, deshalb haben sie ihn vor der Öffnungszeit hereingelassen. Hinter einem Tresen räumen freiwillige Helfer mit blauen Westen große Schüsseln hin und her. Viele von ihnen arbeiten als Ehrenamtliche für die Essensausgabe. Ein Großteil der Lebensmittel wurde gespendet. Heute gibt es Eintopf, dazu ein belegtes Brot und zum Nachtisch Kuchen. „Hunger“, sagt Benni, „hatte ich schon sehr lange nicht mehr.“

Über hundert Einrichtungen bieten in Berlin kostenloses Essen an. Vor allem evangelische Gemeinden haben oft einen Mittagstisch für Bedürftige, an vielen Orten können Obdachlose auch Frühstück oder ein Abendessen bekommen. Im Jahr 2015 wurden in ganz Berlin mehr als 600.000 Essen ausgegeben. Dieter Puhl von der Bahnhofsmission sagt: „Die Essensversorgung ist in Berlin vernünftig geregelt, hier muss niemand verhungern. Aber es fehlt an Notunterkünften. Heute hatten wir zum Beispiel Nachtfrost und trotzdem haben im Tiergarten mehrere Menschen ohne Schlafsack gepennt.“

Nur ein Ort zum Waschen

Welche Hilfe obdachlose Menschen bekommen, das hat auch etwas mit Glück zu tun. Für ihre Projekte beantragen die Hilfsinitiativen Gelder vom Staat. Der Senat entscheidet schließlich darüber, wie die Unterstützung verteilt wird. Welche Einrichtungen es in den Stadtteilen gibt hängt also vor allem vom Engagement der Gesellschaft ab. Eine Suppenküche ist leichter aufzubauen, als eine Duschmöglichkeit. Für obdachlose Menschen bedeutet das: Eine Mahlzeit ist einfacher zu bekommen, als eine warme Dusche oder ein Bett.

Wie auch Klaus geht Benni oft ins Hygienezentrum der Bahnhofsmission. Für ihn ist das praktisch: Die Waschräume sind im selben Haus wie die Kantine. Um halb zehn öffnet das Zentrum, um sechs schließt es. Vier Männer und zwei Frauen dürfen zeitgleich die Duschen benutzen. Am Eingang reichen ihnen die MitarbeiterInnen ein sauberes Handtuch, Duschgel und oft auch frische Unterwäsche. Wer zuerst in der Schlange steht, darf auch zuerst duschen,  das ist die Regel. Eine weitere Regel: Jeder Besucher und jede Besucherin hat eine halbe Stunde Zeit, dann kommt die nächste Gruppe. Wenn es Gedränge gibt, greifen die SozialarbeiterInnen ein.

Es gibt in ganz Berlin keine vergleichbare Einrichtung. Vor zwei Jahren hat die Bahnhofsmission das Projekt mit Spendengeldern der Bahn initiiert. Vorher konnten sich obdachlose Menschen nur in den Unterkünften duschen – falls sie einen Schlafplatz bekommen hatten. „Oft genug haben wir die Leute aus ihren Klamotten herausschneiden müssen, weil sie sich über lange Zeiträume nicht geduscht hatten“, sagt Dieter Puhl, „eine Toilette, ein Kamm, ein Tampon – das sind Grundbedürfnisse.“ Jeden Tag duschen sich rund hundert Menschen  im Hygienezentrum am Bahnhof Zoo. Viele Obdachlose in Berlin haben kein Ticket für öffentliche Verkehrsmittel. Für sie sind die Duschen oft unerreichbar.

Obdachlos in Berlin: Benjamin Säger

 

Welche Monate sind gute Monate?

Das Haus in der Franklinstraße 27a hat das ganze Jahr über geöffnet – im Gegensatz zu den meisten anderen Unterkünften in Berlin. Viele von ihnen sind nur über den Winter zugänglich. Hier sollen die Obdachlosen Zuflucht vor Schnee und Kälte finden. Zusätzlich gibt es die so genannte Kältehilfe. Private Träger organisieren Notunterkünfte für kalte Nächte. Zwischen November und April stellen sie 800 Plätze zur Verfügung.

Insgesamt bietet Berlin damit jede Nacht im Winter etwa 1.200 obdachlosen Menschen Schutz. Bei geschätzt 8.000 auf der Straße Lebenden geht diese Rechnung nicht auf. Einige Angebote gelten außerdem nicht für jeden Tag. Das heißt: Wie Benni ziehen viele Menschen jeden Abend aufs Neue los, mit dem Hausrat in der Plastiktüte oder im Einkaufswagen, um einen Schlafplatz zu suchen. Wer keinen ergattert, friert. Tausende schlafen im Park oder in Hauseingängen.

Die Kältehilfe endet am 31. März. Ein Großteil der Notunterkünfte schließt dann. „Was hat sich am 3. April für den Obdachlosen im Vergleich zum 23. März verändert?“, fragt Fatoş Topaç von den Grünen. Auch in diesem Jahr überschreiten die Temperaturen im April nachts kaum die Null-Grad-Marke. Es regnet und bleibt kalt. Nur eines hat sich geändert: Die Chancen auf eine warme Nacht im Trockenen sind drastisch gesunken.

Von den 1.200 Übernachtungsplätzen bleiben kaum über hundert ganzjährige Schlafmöglichkeiten bestehen. An Ostern mussten die Mitarbeiter der Franklinstraße deshalb dreißig Menschen wegschicken. „Wer hier nicht reinkommt, schläft auf der Bank“, sagt der Leiter der Notunterkunft Jürgen Mark. Wegen der Versicherung darf er nur genau 73 Leute aufnehmen, nicht eine Person mehr.

 

Wohin fließt das Geld?

 

Wer trägt die Verantwortung?

Fatoş Topaç hat lange im Bezirk Kreuzberg gearbeitet. In diesem Stadteil, sagt sie, sieht man gesellschaftliche Probleme oft schon sehr früh. Jetzt ist ihre Partei Teil der Regierungskoalition. Sie sagt: „Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, haben einen Anspruch darauf, versorgt zu werden.“

Von der Berliner Regierung wurde das Thema Obdachlosigkeit jahrelang vernachlässigt. In den Neunzigern formulierte Klaus Wowereit das Motto „Arm aber sexy“. Obdachlose Menschen meinte er damit nicht. Bis heute fühlen sich viele SozialarbeiterInnen mit den Problemen alleine gelassen. „Es fehlen eklatant viele Hilfsangebote“, sagt Dieter Puhl, „obdachlose Menschen haben keine gesellschaftliche Lobby.“

Nach Angaben der Grünen arbeitet die Verwaltung mit einer Zahl von 1.400 obdachlosen Menschen in Berlin und geht damit nur von den Angaben aus, die definitiv bekannt und im Rahmen von eigenen Projekten erfasst wurden. Die bis zu 10.000 geschätzten Obdachlosen, von denen die Trägerseite spricht, weichen weit davon ab. Auf Nachfrage erklärt die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales: Eine Erhebung genauer Statistiken sei für die Zukunft geplant. Wann und wie genau das passieren soll? Das könne noch nicht beantwortet werden.

Es bleibt also das Problem mit den Zahlen: Erst wenn die genau erhoben werden, lässt sich auch der Bedarf an unterstützenden Einrichtungen und Geldern richtig bemessen. Oder anders formuliert: Ohne korrekte Zahlen gibt es auch keine Grundlage zum Handeln.

Als Benni vor einem halben Jahr aus seiner Wohnung geschmissen wurde, meinte sein Vermieter: „Sehen Sie das als Neuanfang.“ Aber wie neu anfangen, wenn einem das Fundament fehlt? Wer auf der Straße lebt, hat andere Sorgen: essen, schlafen und eine warme Dusche.

 

 

von Ivy Nortey, Paul Hildebrandt, Shea Westhoff