Wie funktioniert Obdachlosigkeit?

Paul Neupert forscht seit Jahren zu Obdachlosigkeit in Berlin und arbeitet für die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Er erklärt, warum Menschen auf der Straße landen, wie Obdachlosenhilfe in Berlin funktioniert und welche Probleme sie in Zukunft haben wird.

 

Leben einige Obdachlose aus Überzeugung auf der Straße?

Paul Neupert: Sie meinen den klassischen „Aussteiger“? Daran glaube ich nicht. Dieses Konzept ist höchstens eine Rechtfertigungsstrategie der Gesellschaft, um die vielen Obdachlosen zu ertragen. Es mag zwar einzelne Menschen geben, die mit den Regeln der Gesellschaft nicht klar kommen und deshalb aussteigen. Aber ein Leben auf der Straße macht man nicht lange mit, wenn man es nicht muss. Ständig ist man Entbehrungen, Konflikten und Gewalt ausgesetzt. Jeder Mensch braucht einen privaten Rückzugsort, und den bieten nur die eigenen vier Wände.

 

Wie viele Menschen sind in Berlin derzeit obdachlos?

Die Schätzungen reichen von 2.000 bis 20.000. Ich glaube, dass es weit mehr als 2.000 sind, aber 20.000 ist wohl zu hoch gegriffen. Bei derart großen Zahlen sind wahrscheinlich Wohnungslose mitgerechnet – also Menschen ohne mietrechtlich abgesicherten Wohnraum, die aber trotzdem bei irgendwem unterkommen.

 

Warum gibt es keine verlässlichen Zahlen zur Obdachlosigkeit?

Zum einen wird es immer einen nicht messbaren Graubereich geben, weil manche Menschen dem Radar schlicht unterlaufen und so nicht erfassbar sind. Zum anderen spielen politische Motivationen eine Rolle: Wer bindende Zahlen hat ist auch verpflichtet, sich zu kümmern. Die bisherigen Landesregierungen wanden sich um diese Verantwortung.

 

Und mittlerweile?

Es scheint besser zu werden. Die amtierende Berliner Regierung hat im Koalitionsvertrag festgelegt, dass sie sich diesem Thema intensiver zuwenden will. Aber es bleibt abzuwarten, ob den Worten tatsächlich Taten folgen.

 

Hat die Obdachlosenhilfe in Berlin besondere Merkmale?

Grundsätzlich ist die Obdachlosenhilfe in Berlin gut aufgestellt. Sie hat ein umfassendes und abgestuftes Hilfesystem, das an den meisten Tagen genügend Übernachtungsplätze bereitstellt, sich aber auch gezielt um die Tagesstruktur kümmert. Die Angebote kommen meist von privater und kirchlicher Seite, wie Caritas oder Diakonie, und die Stadt stellt die entsprechenden Gelder dann zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es inoffizielle Träger, die weitere Angebote wie beispielsweise eine Essensausgabe oder ein Obdachlosen-Kino bereitstellen.

 

Woran mangelt es in der Obdachlosenhilfe?

Die Obdachlosenhilfe wird immer mangelhaft bleiben. Kein Mensch kann jemals zufrieden gestellt werden, wenn er nicht seine eigenen vier Wände hat. Das eigentliche Problem ist: Es mangelt an bezahlbarem Wohnraum. Viele Menschen müssen in unserem System gegen Windmühlen laufen. Suppenküchen und Kleiderkammern gibt es genügend und das wird wohl auch so bleiben. Das unterscheidet Berlin von anderen, kleineren Städten.

 

Warum leben die meisten Obdachlosen in der Innenstadt?

Innenstädte bieten – anders als Randgebiete – bessere infrastrukturelle Voraussetzungen, um das tägliche Überleben auf der Straße zu organisieren. Hier befinden sich Hilfsangebote und die notwendigen inoffiziellen Einrichtungen. Die Anonymität der Innenstadt bietet Schutz, ihre Architektur ermöglicht Rückzugsorte wie Überdachungen und Parks. Außerdem können Obdachlose in der belebten Innenstadt besser ihren Lebensunterhalt bestreiten – sei das durch Betteln, Straßenzeitungsverkauf oder sonstige informelle Tätigkeiten. Hinzu kommt: Nur wenige Obdachlose sind mobil, viele haben weder ein Fahrrad noch ein Bahnticket. Gleichzeitig haben sie oft einiges an persönlichem Gepäck, das schwer zu transportieren ist. Darum bewegen sich viele nur innerhalb eines Stadtteils.

 

Was sind „inoffizielle“ Einrichtungen für Obdachlose?

Das sind Kaufhäuser oder Bibliotheken, wo Obdachlose sich aufhalten können, ohne aufzufallen. Einige Obdachlose haben einen genau gesteckten Zeitplan, nach dem sie sich richten: Sie wissen, wann dieses oder jenes Nachtcafé geöffnet hat und wann sie auf die Bücherei als Aufenthaltsort zurückgreifen müssen.

 

In welche Richtung entwickelt sich das Phänomen Obdachlosigkeit in Berlin?

Die Zahl der Obdachlosen nimmt zu, das ist offensichtlich. Immer mehr Menschen verlieren ihre Wohnung und landen im Hilfesystem. Auch aus Osteuropa kommen mehr Menschen, die hier Arbeit und Wohnung suchen, aber in der Obdachlosigkeit landen. Gerade bei dieser Gruppe wächst das Problem der absoluten Verarmung und Verelendung. Man wird sich auch darauf einstellen müssen, dass anerkannte Geflüchtete in die Wohnungslosigkeit rutschen werden, weil es für sie schwer wird, sich auf dem freien Wohnungsmarkt durchzusetzen. Damit werden sich die Einrichtungen für Obdachlose selbst neuen Herausforderungen stellen müssen.

 

Mit welchen Herausforderungen für die Einrichtungen rechnen sie außerdem?

Auch Obdachlosenhilfen sind von Prozessen der Gentrifizierung betroffen. Zum Beispiel muss das Hilfsprojekt „Klik“, das sich für jugendliche Obdachlose einsetzt, zu Ende Mai seine Räumlichkeiten verlassen, weil die Wohnungsbaugesellschaft die Wohnung sanieren lassen will – und sie danach teurer vermieten kann. Die meisten Eigentümer gehen nach dieser Marktlogik vor. Wenn aber tatsächlich immer mehr Einrichtungen in die Außenbezirke verdrängt werden sollten, würden sie damit auch den direkten Kontakt zu den Obdachlosen verlieren.

von Shea Westhoff, Ivy Nortey, Paul Hildebrandt